Am 15. Juli kündigte Südkorea an, den Mindestlohn um 16,4% anzuheben. Das beschloss der Mindestlohnausschuss. Doch die Entscheidung ist umstritten. Die Befürworter sagen, dass dadurch der Konsum angekurbelt werde, während Kritiker eine größere Last der Unternehmen anführen. Zum Thema sagt der Experte Choi Bae-geun von der Wirtschaftsfakultät der Konkuk-Universität:

Das größte Problem der koreanischen Wirtschaft ist der Trend zum Niedrigwachstum. Es gibt dabei ein Ungleichgewicht zwischen dem Wachstum der privaten Haushalte und der Unternehmen. Mit anderen Worten, die Haushalte wachsen nicht so stark wie die Unternehmen. Von den Haushalten haben 30% einen Rückgang des Einkommens verzeichnet. Die Einkommensverteilung hat sich verschlechtert, und die Zahl guter Arbeitsplätze geht zurück. Die koreanische Wirtschaft wird von den Exporten angetrieben, doch der Handel hat infolge der globalen Finanzkrise von 2008 zu einem negativen Wachstum der koreanischen Exporte in den Jahren 2015 und 2016 geführt. Diese Umstände zeigen, dass ein Durchbruch durch den Binnenkonsum herbeigeführt werden muss, und das muss durch höhere Einkommen, besonders für die Geringverdienenden, erreicht werden.

Die koreanische Gesellschaft wird durch Polarisierung, ein größeres Ungleichgewicht bei den Einkommen und einen schleppenden Verbrauch gekennzeichnet. Um diese Probleme in den Griff zu bekommen, hat die Regierung den Mindestlohn von derzeit 6470 Won auf 7530 Won vom nächsten Jahr an erhöht. Es ist der größte Anstieg seit der Einführung des Mindestlohns 1988 und das erste Mal, dass der Betrag in einem Schritt um mehr als 1000 Won angehoben wird. Präsident Moon Jae-ins Wahlversprechen, bis 2020 den Mindestlohn auf 10.000 Won anzuheben, könnte bei diesem Tempo erfüllt werden:

Diejenigen, die vom Mindestlohn abhängen, befinden sich zum größten Teil im niedrigen Einkommensbereich. Ihr Einkommen erhöht sich also. Auch wird die Maßnahme helfen, dass die Einkommensverteilung verbessert und die Ausgaben angekurbelt werden. Das wird die gesamte Nachfrage antreiben, wodurch die Unternehmen wieder mehr Geld bekommen. Die Ertragskraft wird sich verbessern, und dadurch werden mehr Arbeitsplätze geschaffen. Die Unternehmen können mehr investieren, um mehr zu produzieren. Am Ende wird die Maßnahme einen positiven Zyklus schaffen, bei dem die Erhöhung der Produktivität zu höheren Reallöhnen führen wird.

Der Mindestlohn ist eine legale Schutzmaßnahme, um den Menschen ein würdiges Leben zu verschaffen. Bis zum vergangenen Jahr hatten 26 Länder der OECD dieses System eingeführt. Es soll helfen, das Problem des Niedrigwachstums und der Ungleichgewichte zu lösen. Berücksichtigt man, dass die durchschnittlichen Lebenskosten pro Monat für einen Einzelhaushalt in Korea bei 2,16 Millionen Won liegen, wird die Anhebung des Mindestlohns dafür sorgen, dass das Monatseinkommen um 1,57 Millionen Won steigt. Es wird dadurch ein positiver Effekt auf die gesamte Wirtschaft erwartet. Doch lassen sich dabei schwer die Probleme für kleine Unternehmen oder Läden übersehen, die ihre Beschäftigten nicht mehr bezahlen können:

Für Unternehmen, bei denen die Arbeitskosten einen großen Teil der Ausgaben ausmachen, wird das ein schwerer Schlag sein. Das sind im Normalfall Unternehmen mit weniger als fünf Arbeitskräften, die auf Niedrigverdiener angewiesen sind, um über die Runden zu kommen. Es gibt davon viele im Produktionsbereich, von denen zahlreiche Aufträge von kleinen und mittelgroßen Unternehmen haben. Durch die Lohnanhebung könnten zudem Arbeitsplätze für ältere Leute verlorengehen, die an Tankstellen oder als Hausmeister in Wohnungskomplexen arbeiten. Sie werden stark betroffen sein, weil ihre Arbeit durch andere oder automatisierte Systeme ersetzt werden kann.

Nach Angaben des Forschungsinstituts der koreanischen Nahrungsmittelindustrie wird der Betriebsgewinn in dem Bereich von 10,5% auf 1,7% absinken, wenn der Mindestlohn jedes Jahr angehoben und bis 2020 10.000 Won erreichen wird. Auch wird mit dem Verlust von über 275.000 Arbeitsplätzen gerechnet. Der Verband der Mikro-Unternehmen äußerte sich ebenfalls besorgt, weil 87% derjenigen, die vom Mindestlohn abhängig sind, in kleinen Unternehmen oder Kleinläden arbeiten:

Die Regierung von Moon Jae-in kündigte an, die Unternehmen kurzfristig zu unterstützen, deren Finanzlast wegen der Lohnerhöhung größer wird. Der Grund für die Maßnahme ist, dass es einige Zeit dauert, bis der positive Zyklus durch die Anhebung des Mindestlohns einsetzt. Kleinere Unternehmen werden es also in der Übergangszeit schwerer haben, und viele werden aufhören.

Die Regierung will Unternehmen mit weniger als 30 Vollzeitbeschäftigen direkt unterstützen. Zum Beispiel will die Regierung 581 Won des Erhöhungsbetrags von 1060 Won bis zum nächsten Jahr beisteuern. Doch wird diese Maßnahme ebenfalls kritisiert, da es Probleme beim Auswahlverfahren geben könnte:

Die Steigerung um 16,4% ist ein kühner Schritt. Die Regierung muss sorgfältig institutionalisierte Maßnahmen für eine weiche Landung vorbereiten. Eine Maßnahme könnte sein, was der frühere Präsidentschaftskandidat vorschlug. Er schlug vor, dass die Regierung die Kosten für die vier hauptsächlichen Versicherungen der Beschäftigten von kleinen Unternehmen übernimmt, weil das die Managementkosten reduziert. Doch auch andere Maßnahmen müssen ergriffen werden, damit sich die positiven Effekte der Mindestlohnerhöhung einstellen.

Je größer und komplexer ein Problem ist, desto schwieriger ist es, dass die Politik eine Lösung findet, die jeden zufriedenstellt. Daher muss die Umsetzung des höheren Mindestlohns von sorgfältig erarbeiteten Maßnahmen flankiert werden.